Editorial

Kaum zu glauben, dass wir dieses Magazin in den Händen halten und ihr diese ersten Zeilen lest! Uns ist aufgefallen, dass wir selbst eigentlich selten Editorials lesen – aber der Drang jetzt hier eines zu schreiben ist kaum zurückzuhalten. Wahrscheinlich, um sich zu rechtfertigen, zu erklären, um all die Dinge verständlich zu machen, die eigentlich keine Erklärung brauchen sollten. Aber dafür reicht der Platz leider gar nicht.

Wir sind Doro, Lea, Elena und Laura. Wir bringen unterschiedliche Interessensschwerpunkte und Erfahrungen mit, aber uns verbindet das Masterstudium der Friedens- und Konfliktforschung in Marburg und unsere Begeisterung fürs geschriebene Wort. Und Freundschaft.

UNEINS ist der Versuch, in der Bandbreite der Themen, die sich um den Komplex Frieden und Konflikte spannt, neue Debatten anzustoßen und beste- hende Diskurse zu bereichern und zu diversifizieren. Wir wollen mit UNEINS eine Schnittstelle zwischen akademischen, praktizierenden, künstlerischen und aktivistischen Diskursen und Stimmen schaffen und einen Beitrag dazu leisten, die friedenspolitische Bewegung auch in der jungen Generation zu verankern.

Als wir im Oktober 2020 bei den ersten Treffen unsere Idee für UNEINS konkretisierten, konnten wir nur in Ansätzen erahnen, mit welchen Fragen und Herausforderungen wir konfrontiert werden würden. Dass wir aber vor allem vor der Herausforderung stehen, uns mit der eigenen Rolle und Position in Redaktion, Kuration und Produktion von Wissen zu beschäftigen, war uns relativ schnell klar. Das Thema für die erste Ausgabe zu finden war daher das kleinste Problem. Mit dem Titel „Umkämpftes Wissen“ wollen wir all jene Fragen aufwerfen, die sich in Hinblick auf das, was gemeinhin als Wissen betrachtet wird, ergeben – und zugleich den Blick auf die Friedens – und Konfliktforschung richten. Denn Prozesse der Wissensproduktion sind nie frei von Machtbeziehungen.

Dabei verstehen wir das Thema kritische Wissensproduktion auch als Lernprozess für uns als Magazin-Neulinge und ewig Lernende. Lange haben wir darüber gesprochen, wie das Heft so kollektiv wie möglich gestaltet werden kann und trotzdem im Rahmen unserer Kapazitäten bleibt (das war es – wenig überraschend – natürlich nie). Wir wollen neue Wege an der Schnittstelle von akademischer, essayistischer, aktivistischer und künstlerischer Wissensproduktion gehen. Dafür haben uns im März 2021 über 30 Beitragsideen als Reaktion auf unseren Call for Contributions erreicht, von denen ihr hier eine Auswahl seht. Für uns war es wichtig, eine möglichst abwechslungsreiche Vielfalt von Beitragsformaten auszuwählen, die außerdem einen Bezug zu kritischer Wissensproduktion aufweisen und sich mit Frieden und Konflikten beschäftigen. Die Auswahl ist uns dabei überhaupt nicht leicht gefallen! Nachdem die Beiträge dann im April fertiggestellt wurden, machten wir uns seit Mai auf die abenteuerliche Reise eines kollaborativen Review-Prozesses, bei dem wir und die Autor:innen in unzähligen Feedback-Schleifen über drei Monate hinweg voneinander lernen durften und mussten.

Ganz im Sinne dieses Themas ist es uns auch ein Anliegen, unseren Publikationsprozess mit UNEINS kritisch zu reflektiveren. Die große Frage, welche uns seit einigen Monaten beschäftigt ist, welche Themen und Positionen nicht abgedeckt werden, wen haben wir nie erreicht und wer hat uns nie gefunden? Unser Lernprozess fängt gerade erst richtig an und mit diesem Heft in Euren Händen werdet Ihr Zeug:innen dieser Reise. Wenn ihr Anregungen zu diesem Prozess habt oder gerne Teil davon werden möchtet, dann schreibt uns gerne!

Während dem Redaktions- und Publikationsprozess waren drei Themen besonders präsent für uns:

1. Diversität: Wir sind vier junge weiße cis Frauen und waren wenig überrascht zu sehen, dass wir für den Call for Contributions fast ausschließlich Einsendungen von Personen mit weiblich gelesenen Namen erhielten. Welche Implikationen hat also die Zusammensetzung der Redaktion für die Auswahl der Artikel und für Themensetzung und für die Heftgestaltung? Im weiteren Verlauf des Jahres werden wir uns weiter ntensiv mit kritischem Publizieren und der Rolle der Redaktion in diesem Prozess der Wissensproduktion auseinandersetzen.

2. Sprache: Wir haben uns in diesem Heft gleichermaßen für englisch- und deutschsprachige Artikel, aber aus Platzgründen gegen eine Übersetzung entschieden. Uns ist bewusst, dass diese Entscheidung aus Sicht der Zugänglichkeit einen großen Kompromiss darstellt, denn selbst der Fokus von wissenschaftlicher Textproduktion auf Englisch und Deutsch ist ein hegemoniales Produkt.

3. Vergütung: Wir können bis zum heutigen Tag unseren Autor:innen nicht garantieren, dass sie eine Aufwandsentschädigung für ihre Texte erhalten werden und empfinden diesen Zustand als große Schwachstelle von UNEINS. Aber ist ein Projekt ohne gesicherte Finanzierung von Beginn an zum Scheitern verurteilt? Wir dachten zunächst, es fiele uns leichter, diese Situation zu verhindern, aber im vergangenen Jahr wurde uns auch immer klarer, dass sich dieser Missstand durch die gesamte Publikationswelt zieht – von feministischem Online-Journalismus bis zu hin zu wissenschaftlichem Publizieren. Doch auch wenn eine faire Vergütung in diesem Feld so ungewöhnlich ist, dass sie noch nicht einmal von Autor:innen erwartet wird, geben wir nicht klein bei. Dieses Heft kann und wird nur mit einer finanzieller Vergütung für unsere Schreiber:innen existieren. Dafür sind wir auf Eure Hilfe angewiesen.